Swiss Talents First
Wir wollen mutig sein und konsequent Schweizer Talente fördern
Ein Gespräch mit Tatjana Greber, Präsidentin & Sportchefin der Wizards Bern Burgdorf
Die Wizards Bern Burgdorf gehen an der Tabellenspitze in die Weihnachtspause. Die Hinrunde war geprägt von Tempo, Teamgeist und einer beeindruckenden Entwicklung des jüngsten Frauen-Teams der gesamten L-UPL. Doch trotz der starken Ausgangslage herrscht im Verein alles andere als Selbstzufriedenheit. Im Gegenteil: Der Vorstand und die sportliche Leitung haben einen klaren und mutigen Kurs eingeschlagen – mit einem Projekt, das in der Schweizer Unihockeyszene für Aufsehen sorgen dürfte.
Wir haben mit der Präsidentin und Sportchefin Tatjana Greber gesprochen.
Tatjana, die Wizards «überwintern» an der Tabellenspitze. Wie fühlt sich das an?
Tatjana: Es freut uns natürlich. Die Spielerinnen und der Staff haben sich das mit viel Arbeit und Energie verdient. Aber es ist eine Momentaufnahme – wir werden sehr eng verfolgt. Die Liga ist diese Saison unglaublich ausgeglichen, kleine Details können alles verändern. Darum ordnen wir das richtig ein: Wir geniessen den Moment, bleiben aber realistisch und fokussiert.
Euer Team ist das jüngste der Liga. Gleichzeitig spielt ihr auf höchstem Niveau um die vordersten Plätze. Was macht dieses Team aus?
Tatjana: Unsere Spielerinnen sind extrem lernfähig, mutig und haben einen starken Zusammenhalt. Sie übernehmen Verantwortung, obwohl die meisten noch sehr jung sind. Das kommt nicht von ungefähr – viele von ihnen sind über Jahre in unseren Juniorinnen-Teams ausgebildet worden. Dort haben sie gelernt, was unsere Vereinswerte sind und wie man als Spielerin und als Team wächst.
Die Nachwuchsarbeit der letzten Jahre ist beeindruckend. Was hat sich aus deiner Sicht verändert?
Tatjana: Wir haben in den letzten Jahren konsequenter und systematischer auf die Nachwuchsförderung gesetzt. Die letzten drei Jahre sind ein starkes Zeichen dieses Weges: zwei Schweizermeistertitel und ein Vizemeistertitel in der U21A, dazu der Schweizermeistertitel der Juniorinnen B sowie der Aufstieg der U17 in die Stärkeklasse A.
Und vielleicht am deutlichsten: Im letztjährigen L-UPL-Kader standen zehn U21-Spielerinnen mit Stammplatz. Das ist schweizweit aussergewöhnlich – und zeigt, dass Nachwuchsförderung funktioniert, wenn man sie ernst meint.
Diese Entwicklung kommt nicht zufällig. Die Trainerinnen und Trainer leisten extrem gute Arbeit. Und die Spielerinnen bringen ein Mindset mit, das man nicht kaufen kann: Sie bringen ausserordentliches Commitment mit und sie investieren viel fürs Unihockey.
Ihr gebt euren jungen Spielerinnen sehr früh Verantwortung. Wie gelingt der Spagat zwischen Jugend und Erfahrung?
Tatjana: Wir fördern unsere jungen Nachwuchsspielerinnen, geben ihnen sehr früh unser Vertrauen und lassen sie an der Seite einiger sehr erfahrener Spielerinnen wachsen. Das ist ein grosser Mehrwert – aber auch eine Herausforderung. Es prallen zwei völlig unterschiedliche Unihockey-Generationen aufeinander, mit verschiedenen Erwartungen, Kommunikationsstilen, Skills und Spielphilosophien.
Für unsere erfahrenen Spielerinnen ist das eine grosse Aufgabe: Sie müssen führen, vorangehen, Orientierung geben. Und sie machen das herausragend. Der aktuelle L-UPL-Staff schafft es, diese beiden Pole – jung und erfahren – so zu verbinden, dass beide Seiten profitieren. Das ist einer der wesentlichen Gründe für unseren aktuellen Erfolg.
Und ganz wichtig: «Swiss Talents First» bedeutet keinesfalls «nur jung». Im Gegenteil: Wir wollen ein attraktiver Verein für erfahrene Topspielerinnen bleiben, die Lust haben, eine echte Leaderrolle zu übernehmen. Auch routinierte Spielerinnen erhalten bei uns bewusst viel Verantwortung und Gestaltungsspielraum. Wir sind überzeugt, dass eine starke Zukunft nicht entweder jung oder erfahren ist – sondern beides gemeinsam.»
Nun habt ihr euch entschieden, diesen Weg sogar noch weiterzugehen – mit dem Projekt «Swiss Talents First». Was steckt dahinter?
Tatjana: Ganz einfach: Wir wollen unsere Nachwuchsspielerinnen und Schweizer Talente noch stärker fördern und ihnen echte Chancen geben. Wir verzichten bewusst darauf, hohe Summen für ausländische Verstärkungsspielerinnen auszugeben. Es ist im Frauenunihockey nicht nachhaltig, viel Geld in Ausländerinnen zu investieren, während Schweizer Spielerinnen gleichzeitig Unihockey, Ausbildung und Beruf miteinander vereinbaren müssen.
«Unsere Spielerinnen investieren so viel – sie verdienen Priorität. Wir wollen unsere Mittel dort einsetzen, wo sie langfristig etwas bewegen.»
Das ist nicht nur ein sportliches, sondern auch ein klares strategisches Statement.
Heisst das, dass künftig keine ausländischen Spielerinnen mehr im Team stehen?
Tatjana: Nein, das bedeutet es nicht unbedingt. Wir schliessen ausländische Spielerinnen nicht kategorisch aus. Aber wenn wir eine Ausländerin im Kader haben, dann gelten künftig dieselben Bedingungen wie für alle Schweizer Spielerinnen.
Es geht darum, Prinzipien zu wahren und ein faires, nachhaltiges Modell zu leben – nicht darum, jemanden auszuschliessen.
Klingt nach einem Bekenntnis – aber auch nach einem Risiko?
Tatjana: Natürlich ist es ein Risiko. Aber es ist ein bewusstes. Wir wollen kein Konstrukt des schnellen Erfolgs. Wir wollen eine nachhaltige Basis. Unsere Spielerinnen sollen wachsen, auch über schwierige Phasen hinweg.
Und am Ende profitieren alle: die Spielerinnen, der Verein, und hoffentlich auch das Schweizer Frauenunihockey.
«Wir wollen mutig sein. Und Mut bedeutet manchmal, bewusst auf Abkürzungen zu verzichten.»
Was bedeutet dieser Entscheid sportlich für die nächsten zwei Jahre?
Tatjana: Wir werden weiter konkurrenzfähig sein – davon bin ich überzeugt. Aber wir bleiben realistisch. Es wird Rückschläge geben, es wird Drucksituationen geben. Doch genau darin wachsen Spielerinnen extrem. Uns geht es darum, Spielerinnen zu formen, die die Liga langfristig prägen können – bei uns oder auch einmal anderswo.
Wie reagieren die Spielerinnen auf diesen Weg?
Tatjana: Sehr positiv. Sie spüren das Vertrauen und wissen: Wenn ich hart arbeite, bekomme ich echte Chancen und echte Verantwortung. Das motiviert ungemein – gerade für junge Spielerinnen, aber auch für die erfahreneren, die ihre Führungsqualitäten aktiv einbringen können und sollen.
Und wie geht es jetzt weiter – auch personell?
Tatjana: Wir führen viele Gespräche, sowohl mit eigenen Talenten als auch mit Spielerinnen aus der Region oder mit erfahrenen Schweizer Leistungsträgerinnen. Transparenz ist uns wichtig: Jede Spielerin soll wissen, wohin dieser Weg führt und welche Rolle sie darin haben kann.
Unsere Aufgabe ist es jetzt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Talententwicklung wirklich funktionieren kann. Das betrifft Trainingssteuerung, Belastungsmanagement, Staff-Strukturen, aber auch das Umfeld für Ausbildung und Beruf.
Zum Schluss: Wo stehen die Wizards in zwei Jahren?
Tatjana: Das werden wir sehen. Aber ich hoffe, dass wir dann zurückblicken können und sagen: Wir waren mutig – und wir sind für diesen Mut belohnt worden. Wir wollen ein Verein sein, der junge Talente hervorbringt und erfahrenen Spielerinnen eine Leaderrolle gibt und sie gleichzeitig weiterentwickeln.
Wir wollen eine Identität schaffen, die trägt. Mit Schweizer Spielerinnen, die unsere Werte leben und die wissen: Bei den Wizards kann ich alles erreichen.